Europa schafft sich ab

Europa ist wie ein kleines Kind, das sein Kinderzimmer nicht teilen will. Denn seine eigene Sicherheit der Grenzen, ist ihm wichtiger, als die Sicherheit der Menschen. Europa muss teilen können. Damit im Mittelmeer keine Menschen ertrinken.black-and-white-hills-fence-border

Vor wenigen Tagen schrieb ich auf Buerpott, dass die Escher-Lippe-Halle in Gelsenkirchen wieder in den normalen Betrieb genommen wird – weil keine Flüchtlinge dort unterkommen. Glück für die Veranstalter der Halle: Jetzt können sie wieder feiern und Musiker einladen. Pech für die Flüchtlinge – sie schaffen es nicht mal bis nach Gelsenkirchen.

In der Halle waren mal 300 Flüchtlinge untergebracht. Keine bequeme Art zu leben. Aber immerhin: Sie lebten. Seit einigen Wochen schläft kein Flüchtling unter dem Dach der Emscher-Lippe-Halle. Die Grenzen der Balkanroute sind dicht. Somit kommen weniger Flüchtlinge in Deutschland an und die Zahl der Abschiebungen steigt. Innenminister de Maizière warnte dennoch vor einer „Entspannung.“

Richtig. Entspannung. Ich frage mich, wie entspannt er ist, wenn er in seinem gemütlichen Sofa sitzt und die Nachrichten liest: „Erneute Tragödie im Mittelmeer
– Hunderte Flüchtlinge ertrunken“? Wahrscheinlich trinkt er seinen teuren Kaffee, legt die Zeitung weg und entspannt. Immerhin sind die Grenzen dicht und er kann sich wieder um die wichtigen Dinge seiner Arbeit kümmern: Winken und reden.

Europa verliert seine Werte

Europa hat seine Grenzen dichtgemacht. Und somit seine Werte über Bord geschmissen. Mit an Bord waren Flüchtlinge. Nun sind sie unterm Meer. In dieser Woche sind mehrere hundert Flüchtlinge im Mittelmeer gestorben. Im Wasser, fernab von ihrem eigentlichen Ziel: Europa. Dieses Stück Land – mit Werten, auf die es doch so stolz war: Die Würde des Menschen, Recht auf Leben, Demokratie und Sicherheit. Heute bleibt nur wenig von den Werten übrig. Ihr Recht auf Leben und Sicherheit verlieren die Menschen im Mittelmeer. Europa bleibt auf dem Land – Scham und Mitgefühl fehlen.

Ohne Flüchtlinge entspannt sich die Lage in den Gemeinden

Ganz im Gegenteil: Das kleine Kind Europa freut sich. In vielen Gemeinden entspannt sich die Lage: Die Deutschen können endlich wieder ihre Sporthallen und Mehrzweckhallen nutzen. Schließlich gibt es nichts Wichtigeres als deutscher Sportunterricht. Auch nicht Menschenleben. Die Bahnhöfe sind wieder frei und die Deutschen können sich über die verspätete Bahn aufregen – nicht über Flüchtlinge, die endlich an ihrem Ziel angekommen sind. Die alten Klamotten können wieder in die Mülltonne geworfen werden. Auch die alten High-Heels, obwohl es immer noch verwunderlich scheinen mag, wieso kein Flüchtling diese gebraucht hat.

Polizei schützt die heiligen Grenzen

Der Rückgang der Flüchtlinge bedeutet auch, dass die Bundespolizei sich endlich nicht mehr um die Registrierung neuer Asylbewerber kümmern muss. Polizisten in ganz Europa erhalten somit eine neue Aufgabe: Die Grenzen kontrollieren und gegen Schleuser vorgehen. Die Grenze dürfen nur noch legal Menschen mit einem gültigen Visum überqueren. Da können die Polizisten sich auch richtig ausleben und mit Wasserwerfern gegen Menschen vorgehen – die einfach nur leben wollen.

Die Grenzen Europas sind geschlossen. Und damit auch die Menschlichkeit. Die Willkommenskultur, auf die wir eins stolz waren, ist verschwunden. Menschen in Not, Menschen auf der Flucht und Menschen mit Ängsten werden nicht hereingelassen, weil die Sicherheit Europas scheinbar gefährdet ist. Europa baut sich eine paranoide Angst auf – vor Terrorismus, Überfremdung und vor dem Islam. Diese Angst lässt die AFD Wähler aus ihrem arbeitslosen Alltag in das völlige Chaos leiten. Flüchtlingsheime anzubrennen und Flüchtlinge zu verprügeln braucht natürlich auch seine Planung. Endlich können auch die Freizeit-Nazis wieder auf ihre gemütlichen Sofas, ihre Sendungen auf RTL2 schauen. Denn es gibt nun wenige Flüchtlingsheime, die angebrannt werden müssen. Welch’ Erleichterung.

Hauptsache es stirbt kein Europäer

Krieg, Armut, Verfolgung und Naturkatastrophen sind anscheinend für Europa keine Gründe für eine Flucht. Oder Hoffnung auf Sicherheit. Europa stutzt arrogant seine Nase nach oben, schaut in die Luft und übersieht all die Menschen, die im Mittelmeer versinken müssen. Hauptsache es geht einem selber gut. Hauptsache Europa kann sich entspannen. Hauptsache die Sterbenden sind keine Europäer.

„Wir schaffen das“, sagt Europa und geht gehen Schleuser vor und schottet sich lieber ab. Wie ein kleines Kind, das niemanden in sein Kinderzimmer lassen will. Die eigenen Spielzeuge teilt es nicht gerne. Und es weint, wenn ein Fremder zu nahe kommt. Europa macht stattdessen Politik: Redet nach einer Katastrophe über mögliche Maßnahmen, lächelt und winkt in die Kamera. Die nächste Terminsitzung findet wieder statt, wenn hunderte Menschen im Mittelmeer ertrinken. Europa kümmert sich lieber darum, die eigenen Grenzen zu sichern. Denn es gibt nichts Wichtigeres als einen Zaun um die eigene Arroganz und Intoleranz zu bauen.

Europa sieht Flüchtlinge als Menschen zweiter Klasse

Europa ist zurück in die Vergangenheit gereist. In Zeiten, in denen es noch Menschen zweiter Klasse gab. In Zeiten der Sklaverei und Ausbeutung. Europa sieht sich als etwas Besseres. Denkt, dass es zu den „Auserwählten“ gehört, die einen Zaun um seine heiligen Städte bauen müssen. Das Stück Erde, ein bisschen Dreck und Grünzeug, ist wichtiger geworden als Menschenleben. Europa versucht seine Festung aus Intoleranz aufrechtzuerhalten.

Europa schafft sich ab. Und setzt seine Werte aufs Spiel. Mit Menschenleben pokert es, als seien es wertlose Seelen – die es für ein paar Cent verkauft. Europa ist wie ein kleines arrogantes Kind, das jämmerlich weint, weil es nicht teilen möchte. Es heult und heult, weil es im Überfluss lebt und vergiss dabei seine Werte: Das Recht auf Leben und Sicherheit.

Dieser Artikel ist zuerst auf Buerpott erschienen. Buerpott ist ein online Magazin des Studienganges Journalismus und PR in Gelsenkirchen.

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Ein Gedanke zu “Europa schafft sich ab

  1. Danke für den Artikel. Er ist ziemlich spitz, aber der Ton passt zum Thema. Vielleicht hatte Europa bisher einfach zu wenig Krisen. Wer noch nie Schwierigkeiten aushalten musste, kann nicht wissen, dass es danach weiter geht. Und Europa muss ein einsames Kind sein. Sonst wüsste es, dass neue Menschen keine Krise sondern potentielle Freunde sind.

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