Das Dilemma einer Migrantin im Journalismus

Es gibt wenige Migranten im Journalismus. Ich gehöre zu dieser Minderheit.

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„Schreib über uns, denn keiner versteht uns,“ sagten meine Verwandten und Freunde, als ich etwas jünger war und erzählte, dass ich Journalistin werden will. Damals, mit sechszehn Jahren, wollte ich unbedingt über Migranten und Muslime schreiben. Ich fand, dass die Berichterstattung einfach zu negativ war. Das wollte ich ändern. Ich strebte danach, die multikulturelle Seite dieses Landes zu zeigen und die damit verbundenen Chancen und Schwierigkeiten. So handelte mein erster Bericht für die Schülerzeitung über türkische Pop-Musik und in meinem ersten Radiobeitrag erzählte ich über den Alltag einer Muslima. Ich interviewte Betroffene vom Rassismus, schrieb über das Kopftuch in der Schülerzeitung und eröffnete meinen Blog. Das war 2010.

Heute studiere ich Journalismus und finde langsam meinen Weg hinein. Ich betrachte einige Dinge viel kritischer, sowohl den Journalismus selbst, als auch die Medienverdrossenheit einiger Migranten und Muslime. Ich werde oft gefragt, wieso ich als Muslima in den Journalismus will, da die Medien scheinbar schlecht über den Islam berichten. Oder ob ich im Studium lerne, wie man am besten manipuliert. Während meiner Praktika und freien Mitarbeiten fällt mir auf: Entweder bin ich die einzige Migrantin oder ich gehöre zur Minderheit. So kommt es schnell, dass ich mal eben über das Kopftuch schreibe. Schließlich trage ich selbst eins. In der deutschen Berichterstattung kommen die Thematiken zu kurz: Oft wird entweder zu wenig recherchiert oder die Betroffenen kommen nicht zu Wort. Da hilft es eben, wenn man angehende Journalistin mit Migrationshintergrund ist. Doch gerade das Themenumfeld eines Journalisten ist wichtig für die Wahrnehmung: Ich bin die mit dem Kopftuch, die über den Islam schreibt. Kritik erwarten die wenigsten von mir. Freiheit schon gar nicht. Dabei spielt nicht nur das schlechte Bild des Islams eine Rolle, sondern vielmehr meine Themenauswahl. Mir fällt auf, dass die wenigsten von mir erwarten, dass ich auch über andere Themen schreiben und berichten kann. Dass ich eben nicht nur die mit dem Kopftuch bin. Oder, dass ich auch andere Interessensfelder habe. Das Bild bleibt: Journalistin mit Kopftuch.

Um es nicht falsch zu verstehen: Ich schreibe gerne über Migranten und Muslime. Zum einen, weil ich mich in diesem Thema relativ gut auskenne und zum anderen, weil es immer noch Bedarf gibt. Allerdings möchte ich nicht mein Leben lang darüber schreiben müssen, wieso muslimische Frauen ein Kopftuch tragen oder wieso nicht alle Muslime gleich sind. Ich möchte, dass diese Themen zur „Normalität“ werden. Ich möchte als deutsche Journalistin wahrgenommen werden, die eben NICHT NUR über Migranten und Muslime schreibt. Und vor allem möchte ich nicht, dass diese Themen zu meinem Hauptgebiet gehören. Je stärker ich in den Beruf gehe, desto unwichtiger finde ich meinen kulturellen Hintergrund – auch wenn dieser immer eine Rolle spielen wird.

Ich wünsche mir deswegen einen Journalismus, der Themen nicht nur oberflächlich bearbeitet, sondern in die Tiefe geht und alle Sichtweisen und Denkweisen durchleuchtet. Das gilt nicht nur für Themen rund um Migranten und Muslime – sondern für die gesamte Themenlandschaft.

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